Wir denken aus der Perspektive unserer Kunden

Als weltweit führender Schweizer Hersteller von Spritzgiessmaschinen und Systemlösungen für die Kunststoffverarbeitung setzt sich die Netstal Maschinen AG auch intensiv mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit auseinander. Was das für die Weiterentwicklung der Technologie bedeutet und welche Rolle Leadership in volatilen Zeiten für die Zukunft des Unternehmens und des Werkplatzes Schweiz spielt, erläutert Renzo Davatz im Interview.

Herr Davatz, wie hat sich Ihr Kerngeschäft, die Fabrikation von Spritzgiessmaschinen für Kunststoffe, in den letzten Jahren verändert?

Die wesentlichste Veränderung ist wahrscheinlich der Druck von chinesischen Herstellern, die technologisch aufgeholt haben und mit einer hohen Preisaggressivität aus ihren heimischen Märkten in den Westen drängen. Diese Kombination aus zunehmender technischer Wettbewerbsfähigkeit und enormer Preisaggressivität verändert auch das Geschäft für die westlichen Hersteller von Spritzmaschinen.

Welche Zielmärkte sind besonders wichtig für Sie?
Europa ist historisch ein wichtiger Markt für uns. Mittlerweile sind wir dort gut verankert. Die grössten Zuwächse erwarten wir uns in den USA, die ein sehr spannender Markt sind. Gleichzeitig sind wir auch in Asien aktiv. Seit zwei bis drei Jahren sind wir auch sehr erfolgreich in Indien, das sich für uns ebenfalls zu einem spannenden Markt entwickelt.

Die Verpackung von Lebensmitteln und die Herstellung von medizinischen Verbrauchsartikeln betreffen elementare Aspekte unseres Alltags. Bedeutet das eine besondere Verantwortung?
Die grösste Verantwortung, die ich oder wir spüren, ist die, dem Markenversprechen vom Netstal gerecht werden zu können. Netstal ist bekannt für höchste Performance und beste Produktionseffizienz. Diesem Versprechen wollen wir nicht nur mit Leistung und Qualität bei der Auslieferung oder im ersten Betriebsjahr gerecht werden, sondern im gesamten Lebenszyklus einer Maschine. Mit einem umfangreichen Service bei Ersatzteilen, Nachrüstungen und Optimierungen wollen wir die Produktionseffizienz und die Verfügbarkeit der Anlagen über deren gesamte Lebensdauer hochhalten. Selbstverständlich gibt es dazu im Food- und Medizinbereich spezifische Anforderungen bezüglich Reinheit, Nachverfolgbarkeit und Dokumentationen, denen wir uns seit jeher verpflichtet fühlen.

Gibt es bei der Verarbeitung von Kunststoffen neue Trends, die die nächsten Jahre prägen werden?
In den Anwendungsbereichen, in denen wir tätig sind, gibt es nicht so viele neue Kunststoffe wie beispielsweise in der Automobilindustrie. Ein Trend ist aber, dass das Material PET, mit dem PET-Flaschen hergestellt werden, nun auch für andere Anwendungen eingesetzt werden soll. So sollen die Verschlüsse, die bislang aus HDPE bestehen, ebenfalls aus PET gefertigt werden, obwohl dies eine grosse technische Herausforderung ist. Das würde das Recycling der PET-Flaschen, bei denen sich in der Schweiz oder Deutschland schon ein geschlossener Kreislauf etabliert hat, nochmal erleichtern. Es gibt auch Versuche, Dünnwand- und Food-Verpackungen aus PET herzustellen. Ausserdem gibt es noch die biobasierten Kunststoffe, die sich noch nicht durchgesetzt haben, weil sie in grossen Mengen zu teuer sind. Technisch funktioniert das zwar schon, aber betriebswirtschaftlich macht es noch keinen Sinn.

"Für jeden Bereich gibt es Produktmanager, Verkäufer und Anwendungstechniker. Und die denken genau nur in ihrem Applikationsfeld und arbeiten an Optimierungen
für diese Anwendungen"


Wie sehr werden neue Entwicklungen von der Digitalisierung und Nachhaltigkeit bestimmt?
Wo es früher nur um das physische Produkt, also die Maschine ging, geht es heute immer mehr darum, dem Kunden eine integrierte, vernetzte und somit auch autonome Produktionszelle anbieten zu können. Diese soll möglichst einfach in der Bedienung sein, einen hohen Output leisten und entsprechend grosse Prozessfenster bieten. Beim Thema Nachhaltigkeit sind mittlerweile zwei Aspekte entscheidend. Die Maschine selbst soll immer weniger Energie brauchen. Das heisst, hydraulische Achsen werden zunehmend von elektrischen Achsen abgelöst. Zweitens geht es darum, dass die Maschinen Materialien wie rPET, also rezykliertes PET, problemlos verarbeiten können.

Das heisst: Sie müssen auch immer im Sinne der Kunden denken, die ihre Produkte noch besser oder effizienter herstellen oder verpacken wollen?
Dieses Denken aus Kundensicht ist für uns sehr wichtig. Wir haben vier Anwendungseinheiten: PET-Preforms, dies sind Vorformlinge für die späteren PET-Flaschen, Verschlüsse, Anwendungen in der Medizintechnik und Dünnwandverpackungen, beispielsweise für Eiscreme, Butter oder Margarine. Für jeden Bereich gibt es Produktmanager, Verkäufer und Anwendungstechniker. Und die denken genau nur in ihrem Applikationsfeld und arbeiten an Optimierungen für diese Anwendungen.

Was unterscheidet Netstal von internationalen Wettbewerbern?
Wir sind sehr fokussiert auf unsere vier genannten Anwendungsbereiche und machen nichts anderes. Wenn Sie mich nach einem USP fragen, würde ich sagen: Netstal steht für eine aussergewöhnliche Produktionseffizienz. Unsere Maschinen sind in der Anschaffung vielleicht nicht die günstigsten, aber Sie können mit ihnen am günstigsten ihr Produkt herstellen.

Was bedeutet Leadership angesichts globaler Krisen, regional verhängter Sanktionsmassnahmen oder Regulierungen?
Meiner Meinung nach machen die ganze Volatilität und Unsicherheit den Job so spannend wie nie. Ich glaube, die Herausforderung ist, dass es einer guten Führungskraft gelingen muss, eine Richtung vorzugeben, auch wenn nicht alle Antworten vorliegen. Es kommt darauf an, dass man ehrlich kommuniziert, was bekannt ist und was nicht. Und dass man klare Prioritäten setzt, die trotz Unsicherheiten dem Team helfen, handlungsfähig zu bleiben. Guter Leadership in volatilen Zeiten bedeutet, dass man selbst Stabilität im Inneren hat, während sich aussen alles bewegt.

Was macht Netstal als Arbeitgeber aus?
Ich würde zwei Punkte hervorheben. Erstens: Trotz oder wohl sogar wegen einem sehr anspruchsvollen Umfeld in der Industrie haben wir ein Team, das eine besondere Unternehmenskultur entwickelt hat und sich für Kunden und ihr Produkt begeistert. Ein echter Netstal-Spirit, wenn ich das so sagen darf. Der zweite Punkt ist unser internationales Umfeld. Mit einem technologisch anspruchsvollen Produkt und einer Exportquote von 95 Prozent kann die Firma natürlich spannende und sehr unterschiedliche Berufe und auch Weiterentwicklungsmöglichkeiten anbieten. Es ist von Anfang an spannend. Ich durfte dies selbst erfahren, denn ich habe als Lehrling in diesem Unternehmen angefangen.

Das Interview entstand für die neue Ausgabe von „20 CEOs. 20 OPINIONS“ in der Handelszeitung, erschienen am 24.12.2025. Unter dem folgenden Link gelangen Sie zur gesamten Ausgabe.

20 CEOs. 20 OPINIONS.